GIS

Experten im Dialog: GIS im Dienst und in der Freizeit Triathlon

– Wir haben Jörg Tieben, Geschäftsführer der Softplan Informatik GmbH aus Wettenberg, gefragt. Tieben verantwortet nicht nur die Entwicklung des hauseigenen und führenden GIS-Verfahrens INGRADA, er hat auch ein spannendes Hobby. 

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einfo21 digital: GIS – die Abkürzung hört man aktuell oft in der kommunalen Diskussion. Was ist ein GIS und haben die hessischen Kommunen etwas verpasst? 

Jörg Tieben: In der Tat gehören GIS und Geoinformationen heute zur Basis der täglichen Arbeit in den Verwaltungen. GIS steht für Geografisches Informationssystem. Ein GIS dient vornehmlich der Verwaltung raumbezogener Informationen – also etwa Liegenschaftsdaten, Angaben zur Infrastruktur, Umweltdaten, Daten der Bauleitplanung und viele andere Daten. 

Der Raumbezug kann dabei direkt oder indirekt sein: Beim direkten Raumbezug liegt eine eigene Georeferenzierung (Koordinate) vor, beim indirekten/kommunalen Raumbezug wird die Lage über eine Referenz bestimmt. Damit lassen sich ohne weitere Erfassung von Koordinaten Einzeldaten aus den Verwaltungsregistern im GIS räumlich zuordnen, aggregieren und auswerten. Konkret geschieht dies beispielsweise bei der Verschneidung von Einwohnerstatistiken mit Liegenschaftskarten. 

Verpasst haben wir in Hessen nichts. Im Gegenteil, die hessischen Kommunen sind im Bereich GIS sogar sehr gut aufgestellt! Das liegt auch daran, dass Geobasisdaten in Hessen in sehr guter Qualität vorliegen und sich ein GIS damit leichter und gewinnbringender nutzen lässt. Hinzu kommt, dass man in Hessen schon sehr früh Geoinformationen und GIS in der Verwaltung eingesetzt hat. GIS ist in den hessischen Verwaltungen und Betrieben heute ebenso selbstverständlich wie der Einsatz von Microsoft Office Produkten. Dass wir als Softplan schon seit mehr als 25 Jahren zu einem erheblichen Teil an dem Entwicklungsprozess teilhaben, freut mich ganz besonders.  

einfo21 digital: Welche Vorteile haben Kommunen durch den Einsatz eines GIS? 

Jörg Tieben: Nahezu alle kommunalen Entscheidungen und Handlungsfelder haben einen Raumbezug. Ein GIS kann Kommunen daher bei einer Vielzahl von Geschäftsprozessen unterstützen. Die Erschließung und Nutzungsmöglichkeit einer Grundstücksfläche ist ein anschauliches Beispiel für den Einsatz. Weitere Beispiele sind die Verwaltung von Infrastruktureinrichtungen wie Straßen, Grünflächen, Wasserleitungsnetzen und Abwasserkanälen oder Daten aus der Bauleitplanung.  

Auch über die Liegenschaftsverwaltung hinaus werden GIS heute für eine Vielzahl von Aufgaben und Entscheidungen eingesetzt: Geodaten spielen bei der Berechnung von Gebühren- und Beiträgen eine wichtige Rolle. So werden etwa sämtliche Informationen zur Berechnung der gesplitteten Abwassergebühr oder der Beiträge im Straßenausbau im GIS verwaltet – bis hin zur Erstellung von Feststellungsbescheiden mit Ausdruck der grafischen Daten des veranlagten Grundstücks. 

Mit einem GIS lassen sich die Aufgaben räumlich darstellen und visualisieren. Das führt zu mehr Übersichtlichkeit für die Verwaltung, vereinfacht die Planung, präzisiert Analysen und erhöht so letztlich die Wirksamkeit der Verwaltung. 

einfo21 digital: Welche Verwaltungswesen nutzen das GIS? 

Jörg Tieben: Alle! Tatsächlich sind Geoinformationen eine wesentliche Grundlage für die Bewältigung der vielfältigen und zunehmend komplexer werdenden Aufgaben in Verwaltung und Politik. Damit ist ein GIS unverzichtbar zur Umsetzung von Querschnittsaufgaben in der gesamten Verwaltung, ungeachtet ob Landes-, Kreis- oder Kommunalverwaltung, mit all deren Fachbereichen. 

einfo21 digital: Welche organisatorischen und technischen Voraussetzungen müssen für ein GIS geschaffen werden? 

Jörg Tieben: Die technischen Voraussetzungen zum Einsatz eines GIS sind meist in den Kommunen bereits gegeben. Auch an der Verfügbarkeit von Daten fehlt es in den seltensten Fällen. Insofern erscheint mir der organisatorische Aspekt am wichtigsten: Die Führungsebene muss bereit sein, die Möglichkeiten eines GIS in die Verwaltungsprozesse einzubinden. Ein klassisches Beispiel ist das Gebühren- und Beitragswesen: Gerade hier ruht noch viel Potential für Verwaltungen. Ein weiterer wichtiger Erfolgsfaktor ist die Motivation und die Qualifikation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Nutzung und dem Einsatz eines GIS. Auch hier ist die Führungsebene der Verwaltung gefordert, die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen. Wir als Dienstleister wollen dem Anwender eine gewohnte und leicht bedienbare Oberfläche zur Verfügung stellen. Das steigert den Einsatz und damit den Wirkungsgrad des GIS ganz erheblich. 

einfo21 digital: Welche Kosten kommen auf Kommunen zu? 

Jörg Tieben: Von Kosten würde ich bei einem GIS nicht sprechen. Letztlich stellen Einführung und Ausbau des GIS eine Investition dar, die langfristig zu erheblichen Einsparungen und Optimierungseffekten in der gesamten Verwaltung führt. 

einfo21 digital: Wie lässt sich ein GIS optimal betreiben, wo liegen die Herausforderungen? 

Jörg Tieben: Ein GIS lässt sich am besten mit qualifizierten, innovativen und unabhängigen Partnern betreiben. Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Datenaustausch mit Dienstleistern und beteiligten Behörden. Im Bereich der Geobasisdaten haben sich heute einheitliche Standards etabliert. Fachdaten hingegen verursachen häufig zusätzlichen Aufwand beim Datenaustausch. In manchen Bereichen haben sich zwar ebenfalls bestimmte Formate etabliert: ISYBAU im Bereich Kanal, X-Planung im Bereich Bauleitplanung. Andererseits: In anderen Bereichen wie Straßen, Grünflächen, Wasserversorgung oder gesplittete Abwassergebühr fehlen standardisierte und systemunabhängige Schnittstellen. Wir empfehlen unseren Kunden daher, bereits vor der Vergabe von Dienstleistungsaufträgen die Schnittstellenformate und die Inhalte für den späteren Datenaustausch abzustimmen. Wir setzen auf offene Standards und browserbasierte Lösungen, wie INGRADA web. Sowohl Kommunen als auch deren Dienstleister profitieren davon. Nicht zuletzt gilt es auch, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Nutzung des GIS bestmöglich zu unterstützen. Kurzum, unabhängige GIS-Partner, offene Standards, qualifiziertes Personal – das sind aus meiner Sicht die drei Eckpfeiler für einen optimalen GIS-Betrieb. 

einfo21 digital: Auf welche Standards sollten Kommunen achten, um beim GIS zukunftsfähig zu bleiben? 

Jörg Tieben: Eine offene Datenhaltung ist die wesentliche Grundlage für die Zukunftsfähigkeit des GIS. Der OGC-Standard bildet hier eine unverzichtbare Grundlage bezüglich des Datenmanagements. Die Kommune bleibt so immer Herr der eigenen Daten und kann die Daten auch in andere Systeme übertragen. Sofern es um die Frage des Datenaustauschs geht, haben sich verschiedene Industriestandards etabliert. Zu den wichtigsten zählen heute SQL-Spatial Datenbanken, XML, Shape, DWG und GEOgraf. Bei Investitionsentscheidungen sollten Kommunen nicht nur auf die Funktionalität des GIS achten, sondern auf die etablierten Standards der Datenhaltung und des Datentransfers. 

einfo21 digital: Was hat es mit INSPIRE auf sich? 

Jörg Tieben: Die INSPIRE-Richtlinie (INfrastructure for SPatial InfoRmation in the European Community) verpflichtet die Mitgliedsstaaten der EU zum schrittweisen Aufbau einer europäischen Geodaten-Infrastruktur (GDI). Ziel ist die standardisierte Bereitstellung von raumbezogenen Informationen in der GDI. 

Aus meiner Sicht profitieren heute gerade die Kommunen von INSPIRE. So können bereits eine Vielzahl von raumbezogenen Informationen über standardisierte Dienste genutzt werden. Zahlreiche Beispiele, wie Wasserschutz- und Naturschutzgebiete, topografische Karten und so weiter finden sich in den Geoportalen der Bundesländer. Hier in Hessen finden Kommunen und private Institutionen im Geoportal Hessen viele Dienste, die sich auf einfache Weise in das eigene GIS einbinden lassen. Mit INSPIRE ergibt sich für die Kommunen aber auch eine Verpflichtung. Ausgewählte Daten müssen INSPIRE-konform in der GDI verfügbar gemacht werden. „Geben und Nehmen“ – das ist der Geist von INSPIRE. Dabei helfen die regionalen GDIs den Kommunen. 

einfo21 digital: Und, was begeistert Sie privat? 

Jörg Tieben: Bewegung! In Geist und Körper (lacht). Am besten entspanne ich mich beim Triathlon – 3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 km Radeln und 42,195 Kilometer laufen. Nicht nur in der Verwaltung, auch beim Triathlon sind geographische Informationen sehr hilfreich. 

einfo21 digital: Vielen Dank für das Gespräch und viel Freude bei der Bewegung!

Weiterführende Informationen

Breiter Raum für GIS: Wissen, wo der Hase läuft –

https://www.ekom21.de/Service/einfo21_digital/Seiten/GIS_Beitrag.aspx

Kurz und bündig: Jörg Tieben stellt auf der INTERGEO in Stuttgart das Softwarehaus Softplan und das führende GIS INGRADA vor:

https://www.youtube.com/watch?v=dWjots3RpJk

Geodaten, Geo-Anwendungen und die gesamte Schönheit Hessens von oben bietet das Geoportal Hessen:

http://www.geoportal.hessen.de/

Softplan Informatik Unternehmenswebseite mit vielfältigen Hintergründen zum GIS INGRADA:

http://www.ingrada.de

Das Institut für Erd- und Umweltwissenschaften der Universität Potsdam bietet Ressourcen, Fakten und Ansätze für die weitere Beschäftigung mit Geodaten und GIS:

http://www.geo.uni-potsdam.de/gis-ressourcen.html

Jörg Tieben referiert auf THM-Veranstaltung: „Verlässliche Beiträge und Gebühren – Herausforderungen für Kommunen“

https://www.ingrada.de/news-details/softplan-geschaeftsfuehrer-joerg-tieben-als-referent-auf-thm-veranstaltung-verlaessliche-beitraege-und-gebuehren-69.html