Experten im Dialog

Dr. Jörg Oltrogge über ein neu gedachtes und neu gemachtes Verkehrswesen

Im Jahr 2009 hat die zweitgrößte deutsche Zulassungs- und Fahrerlaubnisbehörde mit der ekom21 eine Innovations-Kooperation und Entwicklungspartnerschaft vereinbart. Entstanden ist daraus in den vergangenen zehn Jahren die Straßenverkehrssuite VIATO – eine umfassende Lösung mit Modulen für Kfz-Zulassung, Fahrerlaubniswesen, Genehmigungen im Straßenverkehr sowie Parkraum-Management. e-info21 blickt im Interview mit Dr. Jörg Oltrogge zurück auf zehn Jahre Innovations-Kooperation und Entwicklungspartnerschaft.

einfo: Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit Fragen rund um den Verkehr?

Dr. Oltrogge: Oh, das hat direkt nach dem Studium mit der Promotion begonnen. Damals habe ich mich intensiv mit Logistik beschäftigt, wozu natürlich auch Fahrzeuge gehören. Anschließend habe ich verschiedenste Erfahrungen bei sehr großen, aber auch mittleren Unternehmen der Privatwirtschaft gemacht. Gleichzeitig haben sich auch immer wieder spannende Kontakte zu städtischen Gesellschaften und Eigenbetrieben ergeben, bei denen Fragen rund um Logistik, Transport sowie Güterumschlag in Kombination mit Geschäftsprozessen und IT-Systemen existentiell waren. So bin ich auch zum Landesbetrieb Verkehr (LBV) in Hamburg gekommen.

einfo: Welche Rolle spielen Mobilität und Verkehrswesen für die Gesellschaft?

Dr. Oltrogge: Bei Mobilität denken wir heute nicht mehr nur an Logistik und Fahrzeuge. Digitalisierung – das ist heute das umfassende Schlagwort hierzu und vereint viele Aspekte. Mit Themen wie eGovernment, aber auch den vielen neuen Möglichkeiten und Bedürfnissen der Kunden im Gefolge des Internetbusiness steigen auch die Erwartungen an den Staat, die Bundesländer, die Städte und Landkreise.

Konkret in unserem Tätigkeits- und Aufgabenfeld treten beispielsweise neue Mobilitätsanbieter auf – in Hamburg und Hannover etwa der Ridesharing-Service MOIA. Aber auch viele andere Themen drängen mit Nachdruck in den Vordergrund: Carsharing, Ridepooling oder Elektromobilität sind nur einige Schlagwörter. Man erkennt hieran den enormen Bedeutungszuwachs von Mobilität und den Einfluss neuer Technologien wie Smartphones. Mobilität ist in aller Munde, so dass sowohl öffentliche Verwaltungen als auch öffentlich tätige Unternehmen schnell neue Lösungen entwickeln und marktfähig realisieren müssen.

einfo: 2009 hat sich der LBV mit der ekom21 zu einer Innovations-Kooperation zusammengeschlossen. Was waren die Gründe?

Dr. Oltrogge: Wir haben bereits im Jahr 2007 erkannt, dass sich die Weiterentwicklung der Informationstechnologie deutlich beschleunigt. Daher war klar, der LBV braucht einen starken Partner, um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen: Neue Produkte für die Verwaltung entwerfen, realisieren und „am Laufen halten“.

Daher wollten wir uns gut für die Zukunft aufstellen. Denn viele Entwicklungen konnte man zwar erahnen, aber nicht klar erkennen. Wir wünschten uns einen modernen und innovativen Partner, mit dem wir einerseits flexibel auf neue Kundenerwartungen gegenüber der Verwaltung reagieren können. Gleichzeitig wollten wir aber auch gemeinsam die steigenden Erwartungen der Verwaltungsprofis an öffentliche Arbeitgeber bedienen. 2009 haben wir dann mit der ekom21 einen innovativen Kooperationspartner gewonnen und sind eine Entwicklungspartnerschaft eingegangen, in die wir Fähigkeiten des LBV aktiv einbringen.

Auszüge aus dem Interview mit Dr. Oltrogge auch als Video

einfo: Welche Hürden mussten Sie in zehn Jahren nehmen, wie ist dies geglückt?

Dr. Oltrogge: Wir mussten in der Kooperation unsere Vorstellungen regelmäßig austauschen und uns eng abstimmen. Dabei haben wir gemeinsam gelernt, dass die Ansprüche von Kunden, aber auch die staatlichen Vorgaben des Bundesverkehrsministeriums schnell steigen. Zwar nicht so schnell wie auf dem freien Markt, aber doch schneller als in der Vergangenheit, den 90er Jahren und auch den ersten 10 Jahren des aktuellen Jahrhunderts.

einfo: Wie hat sich die Partnerschaft mit der ekom21 aus Ihrer Sicht entwickelt?

Dr. Oltrogge: Einfach nur sehr gut, sehr innovativ, auf Augenhöhe und das mit der Akzeptanz den jeweiligen Stärken des Partners. Wir sind zu einem Team zusammengewachsen und immer dynamischer geworden. In der Zusammenarbeit entstehen sehr viele Ansätze für Innovationen. Ulrich Künkel [Geschäftsführer der ekom21] etwa sprudelt vor Ideen und bringt diese ins Team ein. Das ist sehr produktiv und inspirierend. Tatsächlich sind wir uns beide damit sehr ähnlich – und genauso in der Ungeduld, mit der wir Dinge umsetzen möchten. Und im Team gelingt uns die vorsichtige und strukturierte Umsetzung ebenso wie die erforderliche Agilität. Insgesamt sind wir sehr zufrieden, was wir mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gemeinsam im Team erreicht haben.

einfo: Ein Ergebnis der Kooperation heißt VIATO. Was kann VIATO?

Dr. Oltrogge: Ganz kurz gesagt? Kunden glücklich machen. Sprich, alle Anforderungen, die Bürgerinnen und Bürger, die Firmen, die Vereine und andere an die Verwaltung haben, erfüllen. Den Erfolg sehen wir daran, wer unsere Produkte einsetzt und wer Interesse am Geist der teambasierten Weiterentwicklung hat.

Was haben die Kunden – Bürger, Kommunen, Verwaltungsprofis – davon?
Sie alle erhalten schneller und qualitativ hoch abgesichert die IT-basierte „Herstellung“ staatlicher Leistungen. So bieten wir eine Suite als Basis für weitere Digitalisierungsschritte und damit eine solide Grundlage für den Weg, den die Verwaltung gehen will und gehen muss.

einfo: Was ist noch zu tun?

Dr. Oltrogge: Wir entwickeln weiter. Zum Beispiel „VIATO P“: Wir stellen ein sehr attraktives neues Produkt für das Parkraum-Management der Städte und deren Verwaltungen her. Hier sind wir am Puls der Mobilitäts-Entwicklung und der damit verbundenen Digitalisierungserwartungen. Darüber hinaus arbeiten wir permanent an der Verbesserung unserer Produkte. Aber wir denken natürlich auch weiter, und das immer aus Sicht der Nutzer: Welche Produkte werden von Ländern und Kommunen, für Führerschein, Fahrzeug-Zulassung, Ausnahmegenehmigungen und eben das Parkraum-Management benötigt, um eine Verwaltung 4.0 zu realisieren? Die VIATO 4.0 Produkte – die Suite – wird unsere Antwort darauf sein.

einfo: Wie stellen Sie sicher, dass Software auch in drei, fünf oder zehn Jahren ihre Zwecke zuverlässig erfüllt? Gesetzliche Änderungen sind ja immer zu erwarten.

Dr. Oltrogge: Wir entwickeln unsere Produkte und Services in enger Zusammenarbeit mit den anwendenden Verwaltungen. So erhalten wir konkrete und pragmatische Hinweise von einem breiten Anwenderkreis. Davon haben wir als LBV auch schon früher im operativen Verwaltungsgeschäft profitiert. Heute spiegeln wir unsere Vorstellungen anderen Verkehrs-Verwaltungen wider und erweitern so die Sichtweise. Den Produkten kommt das sehr zugute.

Zusätzlich sind wir bei bedeutenden Entwicklungen des Bundesverkehrsministeriums frühzeitig mit im Boot und werden gefragt – etwa bei der internetbasierten Kfz-Zulassung, „i-kfz Stufe 1 bis 3“. Heute schon denken wir gemeinsam mit dem Bund über die Stufe 4 nach. Ein anderes Beispiel ist der OZG-Prozess zum vorgezogenen Führerscheintausch, der die Digitalisierungsinteressen der Kunden und die strategisch denkende Verwaltung verbindet. Hier sprechen wir mit dem Hessischen Wirtschaftsministerium, das im OZG-Prozess die Federführung innehat. Deren Vorstellungen und unsere eigene Sicht werden wir in VIATO F integrieren und in die Verkehrs-Suite.

einfo: Und wie sieht es mit der Integration anderer Verfahren aus?

Dr. Oltrogge: Integration wird in der Tat immer wichtiger. Verwaltungskunden möchten keine isolierten IT-Systeme und Lösungsansätze. Ein schneller Wechsel zwischen verschiedenen Anwendungen sollte immer möglich sein. Dies ist nicht nur aus Nutzer- oder IT- Sicht notwendig, sondern auch aus Sicht der strategischen Entscheider in den Städten und Landkreisen. Digitalisierung heißt auch, Brücken zwischen bisher isolierten Informationsinseln zu schaffen. Der Suite-Ansatz geht daher über die bisherigen branchenorientierten Lösungen hinaus. Hieran arbeiten wir sehr intensiv und nehmen dies auch in unsere Entwicklung mit Partnern auf!

einfo: Was sind die drei wichtigsten Herausforderungen im Verkehrswesen?

Dr. Oltrogge: Da würde ich sehen:

  1. Verkehr wandelt sich zu Mobilität und wird durch die Digitalisierung zum schnellen Wandel getrieben. Wie organisieren wie die Mobilität der Zukunft?
  2. Digitalisierung und IT werden die Verwaltungswelt noch mehr und schneller herausfordern, als sich das langgediente Verwaltungsprofis vorstellen. Mehr Dynamik ist notwendig. Gleichzeitig aber müssen wir die Eckpfeiler der Strategie stabil setzen, um den Beteiligten bei aller Dynamik Halt in der Veränderung zu geben.
  3. Es wird im Umfeld der Digitalisierung – nicht nur bei IT-Entwicklern, Prozess-Gestaltern und ähnlichen Berufsfeldern – sehr schwer für die Verwaltung, das geeignete Personal zu finden, dauerhaft zu binden und effiziente Teams aus Jungen und Erfahrenen zu bilden. Hier die Personen zu finden und zu Teams zu formen, die sich dynamisch verhalten, aber auch verändern, ist eine allseits sehr große Herausforderung.


einfo: Wie wird das Verkehrswesen in zehn Jahren aussehen?

Dr. Oltrogge: Mobilität wird vielfältiger, denn der Verkehr wandelt sich. Wir werden mehr und unterschiedliche Verkehrsmittel bekommen. Das bedeutet höhere Dynamik, noch schnellere Prozesse und mehr Automation. Kundenlösungen werden daher sehr rechnergetrieben sein – vor allem dort, wo sich Vorgänge standardisieren lassen. Die Verwaltung wiederum kann sich dann auf komplexe und individuelle Kundenanfragen konzentrieren. Massenanfragen lassen sich hingegen rechnerbasiert und KI-getrieben bearbeiten. So entfällt für den Kunden der Weg zur Verwaltung, außer er möchte diesen explizit gehen.

Manches hängt auch von Weichenstellungen in der nahen Zukunft ab: Wie der neue Personalausweis mit der eID angenommen wird und welche Lesegeräte sich beim Kunden massenhaft durchsetzen werden. Darauf bin ich selber sehr gespannt. Ich hoffe es gelingt den politischen Entscheidern, die Wirtschaft zu überzeugen und deren Fähigkeiten einzubinden, nachhaltig bei der Bevölkerung für die Nutzung der Digitalisierungs-Produkte und Services zu werben und die Möglichkeiten der Technik zu nutzen. Wir müssen aufpassen in Deutschland, dass wir nicht den Anschluss an das dynamisch vorangehende Nordamerika verlieren; der Abstand ist jetzt schon sehr groß!

einfo: Herzlichen Dank für die Einblicke, Herr Oltrogge.

Weiterführende Informationen


https://www.hamburg.de/verkehr/lbv/lbv-aktuell-all/
https://www.viato-suite.de